REST FOR SANE
14.03.-26.04.2026
Andrea Ricklin (*1990 in Baden, lebt und arbeitet in Zürich) und Anouk Koch (*1995 in Zürich, lebt und arbeitet in Luzern und Uster) präsentieren als Duo Ricklin × Koch die Ausstellung REST FOR SANE. In dieser untersuchen sie zeitgenössische Formen von Erholung, Fürsorge und Selbstregulation in einer Gegenwart, in der Ruhe selbst zur Bedingung des Funktionierens geworden ist. Für das Benzeholz entwickelten sie eine immersive Ausstellung mit performativen und auditiven Elementen, die das Haus in drei Erholungsarchitekturen gliedert: Lobby, Hotelzimmer und Spa. Was zunächst an vertraute Erholungs-Settings erinnert, kippt zunehmend ins Unbehagliche. Die Ausstellung fragt, wie die Handlungsfähigkeit unter Bedingungen aufrechterhalten werden soll, in denen Fürsorge privatisiert, ästhetisiert und ökonomisiert wird.
Erdgeschoss: STILL TIME TO BREATHE / NOCH ZEIT ZUM ATMEN
Ricklin × Koch haben das Erdgeschoss des Benzeholz in eine Hotellobby transformiert, die körperlich betreten und visuell, auditiv sowie olfaktorisch erfahren wird. Der sorgfältig komponierte Raum erzeugt Vertrautheit und legt seine Künstlichkeit zugleich offen. Was als Ort des Ankommens und des Komforts auftritt, entpuppt sich als präzise Choreografie aus Blickführung, Design, Angebot und Konsum. Bedürfnisse werden hier nicht bloss bedient, sondern geformt und in eine ästhetisch wie ökonomisch codierte Ordnung eingebunden.
Am Check-in-Schalter erhalten die Besuchenden eine NFC-Karte. Diese Geste markiert den Eintritt in eine Logik des Zugangsmanagements: Teilhabe muss aktiviert, freigeschaltet und verwaltet werden. Wer die Lobby betritt, wird nicht nur empfangen, sondern in eine Infrastruktur eingebunden, die Aufmerksamkeit bindet, Verhalten mitsteuert und die Grenze zwischen Beobachtung und Teilnahme verwischt.
Das Begrüssungsvideo HAVE A NICE STAY greift die Ästhetik von Corporate Designs sowie Werbe- und Imagefilmen auf. Es bedient sich jener glatten Überzeugungskraft, die weniger ein einzelnes Produkt als ein ganzes Lebensgefühl verkauft. Das Video erzeugt Vertrauen in eine Erholungswelt, die perfekt auf alle Bedürfnisse eingestellt scheint, in der bereits an alles gedacht wurde: Hausschuhe, Freizeitangebote und kleine Hilfsmittel, die den Aufenthalt angenehmer machen sollen. Zwischen Film und Ausstellung entsteht eine Wechselbeziehung. Die Räume erscheinen wie eine materialisierte Version des Videos und das Video wie eine ideale Selbstbeschreibung der Räume. So erzeugen Ricklin × Koch eine stimmige Markenwelt, in der Bild, Objekt und Atmosphäre ineinandergreifen. Nichts steht für sich, alles bestätigt dieselbe Logik. REST FOR SANE wird dadurch nicht nur inszeniert, sondern fortwährend beworben.
Die auf den Flyern von ETERNAL UPGRADE versammelten Angebote lesen sich wie Leistungen einer Gegenwart, in der selbst kleinste Formen der Entlastung in buchbare Services übersetzt werden. Die Arbeit greift die Sprache von Hotelservices, Wellnessangeboten und Optimierungsprogrammen auf und verdichtet sie zu einem modularen Leistungssystem. Verhandelt wird dabei nicht bloss Wellness, sondern eine umfassendere Infrastruktur des Funktionierens: Regeneration, Aufmerksamkeit, Motivation, Selbstoptimierung und emotionale Steuerung. Preise, Laufzeiten und Abomodelle verdeutlichen, wie eng Wohlbefinden mit Marktlogiken verknüpft ist. Erholung gilt hier nicht mehr als Unterbrechung von Leistung, sondern als deren Voraussetzung. ETERNAL UPGRADE beschreibt eine Realität, in der das Bedürfnis nach Ruhe untrennbar mit einer Industrie der Verbesserung verbunden ist. Was zunächst wie Entlastung wirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als Fortsetzung jener Strukturen, die Erschöpfung überhaupt erst hervorbringen.
Der Kiosk ist Teil der Konsumästhetik der Lobby und übersetzt die Stimmungen und Eindrücke der Ausstellung in mitnehmbare Produkte. Auch hier werden Bedürfnisse angesprochen, Atmosphären materialisiert und Erlebnisse in Waren überführt. Zugleich wird der Shop zu einem Ort der Öffnung, insofern er Teilhabe in einer aneignungsfähigeren Form ermöglicht. Zugänglichkeit liegt hier nicht jenseits des Konsums, sondern durch ihn vermittelt. So bleibt der Kiosk zwischen Souvenir, Service und Geste der Teilhabe in jene Spannung eingebunden, die die gesamte Ausstellung durchzieht.
Erstes Obergeschoss: BOOKED FOR COMFORT / AUF KOMFORT GEBUCHT
Im Raum BOOKED FOR COMFORT betreten die Besuchenden ein dekonstruiertes Hotelzimmer: einen Raum, der Privatsphäre verspricht, zugleich aber von Anonymität, Repetition und standardisierten Abläufen geprägt ist. Die Tapete aus Textnachrichten und Bildmaterial aus dem Leben der Künstlerinnen zieht digitale Kommunikation direkt in diesen vermeintlichen Rückzugsort hinein. Das Zimmer wird dadurch nicht zum Gegenraum des Alltags, sondern zu einem Ort, in den die Welt unaufhörlich hineinragt.
Auf einem übergrossen Do-Not-Disturb-Schild steht der Satz «Mach dir keine Sorgen, ich schaffe das» der zugleich nach Beruhigung, Selbstermächtigung und Durchhalteformel klingt. Im klassischen Hotelkontext verspricht ein solches Schild Ungestörtheit. Hier jedoch trifft dieses Symbol auf WhatsApp-Nachrichten, die einen dennoch erreichen. I’VE GOT THIS erscheint somit nicht als souveräne Behauptung gegen die Zumutung ständiger Erreichbarkeit, sondern als brüchige Formel, die deren Fortwirken bereits in sich trägt. Das Schild markiert nicht nur Privatsphäre, sondern auch die Fragilität eines Rückzugs, der jederzeit durchbrochen werden kann.
Die Kissenbezüge der Arbeit ARCHIVED stammen aus Luzerner Hotels und wurden Ricklin × Koch zur Weiterverarbeitung überlassen. Im Hotelzimmer zählen sie zu den intimsten Gegenständen, da sie unmittelbar mit dem Gesicht in Berührung kommen. In der Arbeit werden sie zu Trägern dessen, was im Hotelzimmer meist unsichtbar bleibt: Erschöpfung, Scham, körperliche Nähe, nächtliche Unruhe und emotionale Rückstände. Die Bestickung durch Anouk Koch verstärkt die Spannung zwischen Standardisierung und Aneignung. Das Hotelobjekt wird individualisiert, ohne seine Herkunft aus einem anonymen Kreislauf abzustreifen. So erscheint das Hotelzimmerkissen nicht als glatte, täglich erneuerte Oberfläche, sondern als etwas, das von Erinnerungen, Projektionen und Verletzlichkeit durchsetzt ist.
Mit COFFEE RAVE erhält das erste Obergeschoss, der einzige Raum im Benzeholz ohne richtiges Fenster, einen künstlichen Ausblick. Der Titel greift das aktuelle Phänomen der sogenannten Coffee Raves auf: tagsüber stattfindende, meist alkoholfreie Tanzformate im Cafésetting. Garantiert ohne Kater, ohne durchzechter Nacht und unter Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit. Kaffee steht hier nicht für Pause, sondern für eine Kultur des Durchhaltens, in der Müdigkeit nicht ausgeruht, sondern überbrückt wird. Regeneration und Aktivierung fallen ineinander. Der vermeintliche Ausblick eröffnet keinen Gegenraum. Er trägt vielmehr eine Gegenwart ins Zimmer hinein, in der selbst ein Freizeitvergnügen stimulierend, tageslichttauglich und funktional verwertbar sein soll.
Im Hotelkontext erscheint CHERRY PICKING zunächst als dekoratives, popkulturell aufgeladenes Objekt. Die Kirsche wirkt spielerisch, verführerisch und beinahe harmlos. In den Ring sind Icons eingearbeitet, die an Symbole aus Selfcare- und Gesundheits-Apps erinnern. Deren Versprechen sind bekannt: innere Ruhe, tiefe Entspannung und ein gesünderes, besser reguliertes Leben. Zugleich werden die dort eingetragenen Daten ausgewertet, verglichen und in verkaufbare Datenpakete übersetzt. So kippt das süsse Versprechen der Selbstfürsorge in einen Wettbewerb mit sich selbst, dem virtuellen Leaderboard und dem persönlichen Umfeld. Cherry Picking symbolisiert somit eine ironische Bindung an die eigene Optimierung und eine beinahe intime Verpflichtung gegenüber den Ritualen der Selbstkontrolle.
Mit der Minibar HELP YOURSELF greifen Ricklin × Koch eines der klassischsten Elemente des Hotelzimmers auf und verweisen auf eine Form der Selbstbehandlung, bei der Bedürfnisse sofort adressiert werden sollen: ein Drink für mehr Energie, etwas für das Immunsystem, etwas Beruhigendes oder etwas, das den nächsten Schritt in Richtung Stabilisierung verspricht. Die Dosen Recovery Formula und Habit Boost bedienen sich dabei der Sprache von Nahrungsergänzung, Selbstoptimierung und schneller Intervention. Recovery Formula verspricht Erholung, jedoch nur «innerhalb produktiver Grenzen», Habit Boost unmittelbare Wirkung gegen jegliche Abhängigkeiten. Entlastung wird hier zu einer dosierbaren, marktförmig organisierten Massnahme. Auch die Geschenke auf der Minibar greifen eine vertraute Hotel- und Wellnessästhetik auf, in der Aufmerksamkeit, Zuwendung und Exklusivität sichtbar inszeniert werden. Die Aufschriften auf den Geschenkbändern lassen diese Give-Aways jedoch in einen Bereich kippen, in dem Verletzlichkeit, Schuldgefühle und Überdruss aufscheinen und sich Fürsorge und Überforderung, Trost und Zumutung überlagern.
Im Badezimmersetting WELLWELLWELLNESS werden Selbstwahrnehmung und äussere Ansprache eng miteinander verbunden. Dies wird besonders deutlich im Spiegel GO BESTIE. Im Alltag sammelt sich darin der Blick auf den eigenen Körper und den eigenen Zustand. Hier jedoch bleibt es nicht bei dieser passiven Funktion. Durch das Video auf seiner Rückseite wird er zu einer Oberfläche, auf der unsere Wahrnehmung bereits gelenkt wird, und verliert dadurch seine Funktion als Instrument der Selbstvergewisserung. Der Blick ins eigene Gesicht verbindet sich mit einer Stimme, die mitformuliert, wie es einem geht oder wie man sich fühlen sollte. Die eigene Wahrnehmung wird in den Hintergrund gedrängt.
Treppenaufgang
Mit MAKE ME SAFE greift Koch die dekorative Sprache von Hotelinterieurs auf. Drei konservierte Rosen in Plexiglaswürfeln zitieren ein vertrautes Zeichen von Zuneigung und Aufmerksamkeit. Doch die eingravierten Worte Hold Me, Hurt Me und Make Me Safe brechen diese Eindeutigkeit auf. Nähe, Begehren, Verletzlichkeit und Schutz stehen hier unauflöslich nebeneinander. Die Rosen verweisen damit nicht mehr allein auf eine romantische Geste, sondern auf eine Form von Fürsorge, in der Sicherheit und Abhängigkeit eng miteinander verschränkt sind.
Dachgeschoss: YOU MAY NOW SWITCH OFF / JETZT DARFST DU ABSCHALTEN
Mit YOU MAY NOW SWITCH OFF mündet die Ausstellung in einem Raum, der sich formal an Spa- und Saunabereichen orientiert. Blaues Licht, Nebel, Feuer und der Blick nach draussen erzeugen eine Atmosphäre der Beruhigung. Doch der Titel verrät bereits, dass Abschalten hier nicht frei geschieht, sondern erlaubt, angeleitet und zeitlich begrenzt wird.
Das Audio REST FOR SALE greift die Tonalität einer geführten Meditation auf. Atemanweisungen, Affirmationen und beruhigende Formeln verschränken sich mit Erinnerungen an soziale Verpflichtungen, Alltagsorganisation und ökonomische Bedingungen. Die versprochene Ruhe liegt nicht ausserhalb dieser Umstände, sondern bleibt von ihnen durchzogen. Selbst Stille ist hier «Rented. By the minute». Erholung wird zum kuratierten Erlebnis, als Zugang auf Zeit, als Service unter Bedingungen.
Rückweg
Auf dem Rückweg vom Dachgeschoss ins erste Obergeschoss tritt die Arbeit SAFE IN YOUR DIRECTION hervor. Die Figuren auf den Notausgangsschildern laufen nicht voneinander weg, sondern aufeinander zu. Damit verschiebt sich das vertraute Zeichen des Fluchtwegs in ein Bild der Beziehung. In einer Ausstellung, in der Erholung immer wieder als Angebot, Dienstleistung und Technik der Selbstregulation verhandelt wird, markieren sie eine andere Form von Resilienz: nicht individuelles Funktionieren, sondern gegenseitiges Tragen. Wo Angebote an ihre Grenzen stossen, werden Menschen einander zum Notausgang.
Die Besuchenden sind gebeten, ihre NFC-Karte im Erdgeschoss wieder abzugeben. Der Aufenthalt ist nun beendet.
Fotos: Ralph Kühne
Text: Miriam Edmunds