21.08.-11.10.2026
Vernissagen: 20. August 2026, 18-21 Uhr
Artist Talk: 4. Oktober 2026, 16-17 Uhr
Teo Petruzzis (*1994, Altdorf UR; lebt und arbeitet in Luzern und Bern) künstlerische Untersuchung beginnt mit einem scheinbar reibungslos funktionierenden, alltäglichen Vorgang, bei dem eine Ware online bestellt, verpackt, transportiert und bis vor die Haustür geliefert wird. Die globalen Produktionsketten, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und politischen Machtverhältnisse, die diesen Komfort erst ermöglichen, rücken hinter der unmittelbaren Verfügbarkeit in den Hintergrund. Doch was geschieht, wenn sich in der Schweiz die Krisen einer globalisierten Welt nicht länger auf Distanz halten lassen? Wenn Konflikte, Instabilitäten und Ungleichheiten, die lange ausgelagert oder als fern wahrgenommen wurden, plötzlich mit dem Vermerk «Return to Sender» zurückgeschickt werden?
Im Empfangsbereich präsentiert Petruzzi das annähernd lebensgrosse Kartonmodell des Korpus einer Drohne des Typs Hermes 900. Ihre Oberfläche greift die Paketästhetik eines grossen Schweizer Onlinehändlers auf. Schon dessen Name spielt auf eine Galaxie an; Petruzzi erweitert diese kosmische Dimension und leitet die aufgemalten Buchstaben von einem fiktiven Unternehmen namens UNIVERSUS ab. Das Universum wird dabei zum Bild eines Konsums ohne Grenzen, sowie der Illusion, Ressourcen seien unbegrenzt verfügbar und jedes Bedürfnis könne jederzeit befriedigt werden. Auch das bekannte Tierlogo wird abgewandelt. An die Stelle der Schildkröte tritt ein Hase. Der Austausch spielt auf Äsops Fabel vom Hasen und der Schildkröte an, in der die langsame, aber beharrliche Schildkröte das Rennen gegen den schnellen Hasen gewinnt. In der heutigen Waren- und Logistikwelt, in der immer kürzere Lieferzeiten zu einem zentralen Versprechen werden, scheint hingegen der Hase triumphiert zu haben.
Die Flügel der Drohne sind nicht am Korpus montiert, sondern lehnen an der Wand. Das Fluggerät ist somit stillgelegt und seiner eigentlichen Funktion beraubt. Zugleich besteht es aus demselben Material, das die Warenzirkulation alltäglich begleitet: Karton schützt Produkte auf ihrem Weg und wird nach der Lieferung meist weggeworfen. Indem Petruzzi ein hochtechnologisches Fluggerät in dieses leichte und vergängliche Material übersetzt, wird auch die Maschine selbst zu einer Art Verpackungskörper. Technische Präzision und Autorität treffen auf ein Material des Provisorischen.
Der Name des nachgebauten Drohnentyps erhält in der räumlichen Inszenierung eine besondere Bedeutung. Hermes ist in der griechischen Mythologie Bote der Götter und zugleich Begleiter der Seelen auf ihrem Weg in die Unterwelt. Diese Doppelrolle zwischen Übermittlung und Tod spiegelt sich in der Drohne, die sowohl ziviles Transportmittel als auch militärisches Kriegsmaterial ist. Petruzzi richtet ausserdem die Spitze der Hermes 900 auf eine grossformatige Reproduktion einer früheren Schweizer 1000-Franken-Note, auf deren Rückseite Pierre Gauchats Totentanz abgebildet ist. So treffen im Raum Geld, Konsum, Technologie und Tod aufeinander.
Teo Petruzzi: Sendung «Was von oben kommt: Drohnen im Dienst der Post», vom 30.07.2039, Filmstill, 2026.
In der Sendung «Was von oben kommt. Drohnen im Dienst der Post», vom 30.07.2039 wird eine Zukunft entworfen, in der die Schweizerische Post Briefe und Pakete mit einer Flotte von mehreren Tausend Drohnen zustellt. Ein Reporter begleitet Luca Leuenberger, Drohnenpilot und sogenannter Skyadministrator für den Bereich «unbemannte Flugzustellung». Leuenbergers ehemaliges Startup «Helvetidrone» ist inzwischen in der frisch privatisierten Schweizer Post aufgegangen, der Drohnendienst wird nach schweren Unfällen als systemrelevant eingestuft, und Staat, Privatwirtschaft und Militär rücken immer enger zusammen. Für besonders grosse Lieferungen kommen schliesslich ausgemusterte Militärdrohnen vom Typ Hermes 900 zum Einsatz.
Mit dieser Entwicklung verändert sich auch die Sprache. Begriffe wie Zielgenauigkeit, Plattform, Pilot oder Uplink lassen sich plötzlich sowohl der Paketlogistik als auch der militärischen Infrastruktur zuordnen. Die Grenzen zwischen zivilen und militärischen Anwendungen verschwimmen, ohne dass sich der sachliche Ton des Fernsehbeitrags verändert. Gerade darin liegt die Beunruhigung, denn eine Sprache von Innovation, Effizienz und Versorgung lässt Entwicklungen selbstverständlich erscheinen, deren politische und gesellschaftliche Konsequenzen kaum zur Sprache kommen.
Besonders deutlich wird dies, wenn die Post sich als «Human Company» bezeichnet, weil die Drohnen weiterhin von Menschen gesteuert werden. Kurz darauf zeigt sich jedoch, dass die meisten Pilot:innen aus Osteuropa arbeiten. Menschen, die ihre Wohnungen oder sogar ihre Schutzräume nicht verlassen können, setzen ihre Erfahrung im Drohnenflug aus der Distanz für die Schweizer Paketlogistik ein. Was das Unternehmen als soziale Unterstützung und «Win-win-Situation» präsentiert, verweist auf eine andere Seite der Automatisierung, in der menschliche Arbeit verlagert und unsichtbar wird für jene, die von ihr profitieren.
Gegen Ende des Beitrags weitet sich diese Logik aus. Nicht nur die Lieferung, sondern bereits das Einkaufen selbst soll automatisiert werden. Algorithmen antizipieren Bedürfnisse, wählen Produkte aus, bestellen und bezahlen, ganz ohne menschliches Zutun. Was zunächst als weiterer Komfortgewinn erscheint, erhält dabei eine gesellschaftspolitische Dimension: In einer Situation, in der wirtschaftliches Wachstum an Grenzen stösst, Produktivitätssteigerungen schwieriger werden und sinkende Kaufkraft den Konsum bremst, entwirft der Beitrag die Vorstellung eines Systems, das den Konsum selbst automatisiert und damit weiter antreibt. Die Bedürfnisse der Bevölkerung treten dabei hinter das Interesse an ewig steigendem Wirtschaftswachstum zurück.
Teo Petruzzi: Sendung «Was von oben kommt: Drohnen im Dienst der Post», vom 30.07.2039, Filmstill, 2026.
Damit verschiebt sich zugleich das Verhältnis zwischen Bequemlichkeit und Kontrolle. Damit Waren möglichst reibungslos zu Menschen gelangen können, müssen deren Wünsche, Gewohnheiten und Aufenthaltsorte zunehmend lesbar werden. Parallel dazu verändert sich die Bildsprache des Videos. Die Schweiz erscheint aus der Vogelperspektive, teilweise in Wärmebildern; Aufnahmen der Paketlieferung nähern sich zunehmend der Ästhetik von Überwachung und militärischer Zielerfassung an. Schliesslich gerät auch das Benzeholz selbst in diesen Blick.
Im Dachgeschoss begegnet das Publikum der Drohne ein zweites Mal. Nach dem Videobeitrag erscheint sie jedoch nicht mehr als dasselbe rätselhafte Objekt wie zu Beginn der Ausstellung, da nun mit neuem Wissen auf das bereits Gesehene geblickt wird.
Neben dem Fenster stapeln sich Kartonpakete in unterschiedlichen Grössen, die den alltäglichen Konsum in eine physisch erfahrbare Masse übersetzen. Was normalerweise als einzelne Bestellung vor der eigenen Haustür erscheint, beansprucht im Raum Platz.
Zugleich öffnet sich hier erstmals seit dem Erdgeschoss wieder der Blick nach draussen. Nachdem das Benzeholz im Video selbst aus der Perspektive der Drohne ins Visier genommen wurde, blickt das Publikum nun aus dem Gebäude zurück in die Umgebung. Die im Ausstellungsraum verhandelten Zusammenhänge werden in unseren eigenen Kontext eingebunden, in dem die Schweiz und ihre Konsument:innen den globalen Waren-, Arbeits- und Machtverhältnissen nicht gegenüberstehen, sondern Teil davon sind.
Diese Ausstellung wird unterstützt von der Ernst Göhner Stiftung, dem Kanton Uri, dem Kanton Bern, der Kultur Stadt Bern, der Burgergemeinde Bern, der Gemeinnützigen Gesellschaft der Stadt Luzern
Flyer Teo Petruzzi – Return to Sender
Fotos: Ralph Kühne